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Albtraum Livestream

Gschwend. Es hat sowas albtraumhaftes an sich: Der Song verklingt, die Musiker lösen die Hände von den Instrumenten – und kein Applaus erklingt. In Zeiten von Corona und Livestreams leider eine Realität und auch für den Kritiker und Berichterstatter eines Konzerts, der dieses am Computer erlebt, ein Novum. Aber ausgestattet mit einem durchaus hochwertigen Kopfhörer wurde der Auftritt des Jakob Bänsch Sextetts am Samstag im Gschwender Bilderhaus schnell zu einer musikalisch neuen und vor allem positiven Erfahrung.

Frontmann und Trompeter Jakob Bänsch ist mit 17 Jahren der jüngste im Sextett. Ihn begleiten Jakob Manz (19) am Altsaxophon, Lukas Wögler (20) Tenorsaxophon, Moritz Langmaier (20) am Klavier, Malte Wiest (20) am Schlagzeug und als einzige Frau Loreen Sima (19) am Kontrabass. Das Alter der Musiker zeigt auch, dass offenbar um die Jahrtausendwende eine Generation in Deutschland geboren wurde, die sich wieder verstärkt dem Jazz zuwendet und sich dabei an eine Generation von Musikern erinnert, die vor allem in den 50er bis 70er Jahren das musikalische Genre maßgeblich prägten und beeinflussten.

Trotz ihres Alters seien sie bereits „musikalische Vollprofis“ und zählten „zum besten Jazznachwuchs“, sagte Bilderhaus-Vorstand Rainer Klein bei der Vorstellung der Band, zu deren Repertoire neben mehreren Eigenkompositionen von Jakob Bänsch Stücke bekannter Meister gehörten.

Mit „Crystal Silence“ wurde dem vor wenigen Tagen verstorbenen Chick Corea gedacht. Der hatte das Stück gemeinsam mit Gary Burton Ende 1972 aufgenommen. Somit hat es Klassikerstatus in der Jazzwelt ebenso wie „Nardis“, das 1958 durch Miles Davis bekannt wurde. Es habe „mittelöstliche Vibes“, sagte Bänsch. Aber es trägt auch den typisch coolen Jazzsound eines Miles Davis.

Wem bei „mittelöstlichen Vibes“ „Caravan“ von Duke Ellington (erschienen 1936) einfällt, findet zwar durchaus tonale Reminiszenzen. Allerdings geht Miles Davis einen anderen musikalischen Weg, um diese orientalische Musik mit einem typischen Sound im Jazz zu verorten. Und dem Sextett um Jakob Bänsch gelingt es famos, dies zu vermitteln.

Die massiven alltäglichen Limitierungen spielen bei den jugendlichen natürlich auch eine große Rolle. Die Erinnerungen an die Zeit vor Corona mit sind wach. Der Frust über die eingeschränkten künstlerischen wie persönlichen Möglichkeiten ist vorhanden. Und Jakob Bänsch verarbeitete das im März 2020, unmittelbar zu Beginn des ersten Lockdowns, zu einer Komposition, die er „Dream of Ending Tears“ nannte. Eine schwermütige Ballade, in die er die Enttäuschungen, aber auch die Erwartungen packte und musikalisch beschrieb. Mit „Light“, ein Stück für „Licht und Hoffnung“ so Bänsch, verlieh er seiner Erwartung auf eine bald wiederkehrende Normalität Ausdruck. Seine Erinnerungen, die Stück für Stück und letztlich Ton um Ton zu einem Gesamten zusammengetragen wurden, nannte er „Memories remain“. Stücke, die durchaus Potenzial haben, sich in der Welt des Jazz zu etablieren.

Der Livestream-Auftritt des Jakob-Bänsch-Sextetts war das erste Konzert im 34. Musikwinter, nachdem die Saisonunmittelbar vor dem zweiten Lockdown im November mit Italo-Jazz von Enrico Rava und dem Quartett Francesco Bearzatti & Friends eröffnet und gleichzeitig auch wieder geschlossen worden war.

Mit dem Jakob-Bänsch-Sextett hatte das Bilderhaus eine aufstrebende deutsche Formation eingeladen, die trotz der jungen Jahre bereits über „große Auftrittserfahrung“ verfüge, kündigte Rainer Klein sie an. Und mehrere Bandmitglieder sind auch bereits mehrfach preisgekrönt. Sie erhielten Auszeichnungen von „Jugend musiziert“ und „Jugend jazzt“ und erspielten sich Förderpreise wie den „Young Lions Jazz Award“ und „JazzOpen Young Playground“ und können auf eine Reihe Konzerten mit Veteranen des Jazz zurück blicken. Dazu zählen nicht nur Randy Becker, Ack van Rooyen oder Wolfgang Dauner, sondern auch Rufe des Landes- sowie des Bundesjugendjazzorchester.

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