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Amy Sackville: Reise nach Orkney

Amy Sackville: Reise nach Orkney. Foto: Randomehouse

Beide trennen 40 Jahre, aber sie eint die Liebe zur Literatur. Aber weshalb sie, die namenlos bleibende Protagonistin, die Lieblingsstudentin des Literaturprofessors Richard – der die 60 längst überschritten hat – ihn nun heiratet, bleibt unklar. Klar wird aber, dass seine Liebe zu ihr einer Besessenheit gleich kommt, während die Zuneigung von ihr zu ihm … nunja … Zuneigung ist. Oder vielleicht auch die Faszination seines literarischen Intellekts. Oder die Liebe zu einem Vater, der eines Tages verschwand und sie zurück ließ.

Die Hochzeitsreise des Paares geht nah ans Ende der Welt. Auf eine Orkney-Insel nordöstlich von Schottland. Dort, wo die Nordsee und der Nordatlantik sich vereinen, wo die Sonne das ganze Jahr über kaum die Wolken durchdringt, wo die Winde das Meer beleben und wo Seegeister, Kobolde und Nixen leben. Und eben einer solchen Nixe immer ähnlicher wird die junge Ehefrau, der Schwimmhäute zwischen Fingern und Zehen wachsen, die aber nicht schwimmen kann und dennoch über Stunden am Strand steht, sich dem Wind und den Wellen hingibt und das Meer beobachtet, als sei sie Teil davon. Und dabei durch das Fenster des kleinen Ferienhauses am Strand von ihrem Mann beobachtet wird.

Er empfindet ihre Anwesenheit wie das Rauchen. Beim Rauchen überstieg für ihn das Verlangen die erreichte Befriedigung, und mit ihr kann kein Moment seine Sehnsucht nach ihr stillen. Dabei weiß er nichts von der jungen Frau, die eines Tages in seine Vorlesung kam, als letzte den Seminarraum betrat: „Du brachtest Kälte mit, die Frische des ersten Frostes, der die Blätter fallen ließ …“ Die Kälte in Form von Unnahbarkeit behält sie bei. Auch wenn sich das Paar leidenschaftlich körperlich liebt, nie kommt man als Leser der Frau nahe. Ebenso wenig wie ihr Ehemann.

Sie bleibt ein rätselhaftes, ätherisches Wesen: „Sie muss ein Kind eines Unwetters sein, eines Hochwassers“, resümiert Richard. Ihr Vater erzählte ihr von der Seemutter, der Göttin der Inseln, vom Flossenvolk und von den Selkies, jenen geheimnisvollen robbenähnlichen Bewohnern des Meeres, die nachts an Land schwimmen, ihr Fell ablegen und eine Zeit lang als Menschen leben. Und die ohne ihr Fell sich nicht zurück in Robben verwandeln können und an Land bleiben müssen: „Sie sagt, die Flossenmänner kämen stets zurück, um ihresgleichen zu holen.“ Und eines Tages war ihr Vater fort.

Man erfährt nicht, was ist Mythologie, was ist real. Im Verlauf der Erzählung entsteht immer mehr der Gedanke, dass womöglich auch die Frau, die Ehe, das Paar nicht real ist. Richard hatte sich vorgenommen, während der Tage auf Orkney an seinem Buch zu arbeiten, das sich mit den „Magischen Erzählungen des 19. Jahrhunderts“ befasst. Märchen und Sagen neu erzählt, Fluch und Flucht, Besessenheit, Verführung, Verwandlung. All das trifft auf das merkwürdige Paar auf der kleinen Insel zu, das in einem Haus lebt, das an einer einsamen Bucht steht.

Aber was ist Realität? Die Frage der Besessenheit, die Richard seiner Frau gegenüber empfindet, kann ebenso gut die Flucht in eine Gedankenwelt sein, die sich jenseits jeglicher Realität entwickelt und der mythischen Welt in Richards Buch entspringt. Mit diesen Überlegungen lässt Amy Sackville den Leser aber allein. Lediglich einige Indizien lassen vermuten, dass der alternde, besessene, sein Leben lang allein lebende Richard sich in seiner eigenen Traumwelt verliert. Seine Frau gleicht einer Elfe, denn, so beschreibt Richard sie, “ sie ist ein proteisches Wesen, eine Thetis, Kind des Meeres, gestaltwandlerische Göttin …“ Daraus spricht nicht nur die Bewunderung eines Mannes für eine über alles geliebte und daher überhöhte Frau. Daraus spricht auch das Obsessive einer Amour fou.

Aber das ist die Beschreibung durch den Protagonisten. Viel deutlicher ist dagegen die Darstellung der Autorin. Sie setzt die Äußerungen der Frau zwar in Anführungszeichen, die Äußerungen von Richard aber nicht. Und so entsteht der Eindruck, er spräche nicht mit ihr. Zumindest nicht durch Laute, sondern eher mit Gedanken. Wie ein Autor, der seine Buchfiguren sprechen lässt, in dem niederschreibt, was sie sagen, aber in Gedanken die Dialoge vorformuliert, eher er sie zu Papier bringt.

„Reise nach Orkney“ ist ein Buch wie ein Gemälde. Aber eines, dem die Tiefe fehlt. Es plätschert dahin, und genau das macht es schwer, sich an den Stil des Buches zu gewöhnen. Genau deshalb – und hier gilt meine Entschuldigung ebenso wie mein Dank dem Verlag, der geduldig ausharrte und nicht auf baldige Fertigstellung der Rezension drängte.

Ich brauchte tatsächlich zwei Anläufe, mich mit dem Stil anzufreunden, die unterschwellige Spannung zu entdecken, die daher kommt wie eine Welle, die sich am Strand bricht und dabei gleichzeitig eine kleine Strömung entwickelt, die knapp unterhalb der Oberfläche schon das Wasser zurück ins Meer zieht, während die ausrollende Welle noch den Strand hinauf kriecht.

„Reise nach Orkney“ ist die Beschreibung einer Landschaft und eines Meeres, die uns ebenso fremd wie befremdlich daher kommt. Eine Welt, die mit und vom Meer lebt. Von Menschen, die das Meer mythologisieren, um es in seiner Unberechenbarkeit und Übermächtigkeit einerseits zu verstehen, andererseits zu beherrschen.

Warum sich die 39-jährige Amy Sackville, geboren 1981, und für die „Reise nach Orkney“ 2014 mit dem Somerset Maugham Award ausgezeichnet, nun ausgerechnet aus Sicht des 60-jährigen Richard dem Thema nähert, bleibt ein Rätsel. Vor allem auch deshalb, weil man als Rezensent im Alter des Richard sich manchmal fragt, was den Mann umtreibt. Ist es tatsächlich so, dass ein Mann mit einer sehr viel jüngeren Frau für seine eigene Vergangenheit „keine Verwendung hat, weil sie nicht daran teilhaben kann“? Oder ist es nicht eher die Vergangenheit und die damit verbundene Erfahrung, die einen älteren Mann für eine deutlich jüngere Frau interessant macht? Und ist Vergangenheit nicht individuell? Erlebt nicht auch ein gleichaltriges Paar die gemeinsame Vergangenheit aus unterschiedlichen Perspektiven?

Fragen, die unbeantwortet bleiben. Letztlich hat das Paar weder eine Vergangenheit noch eine Zukunft.

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