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Als Franco deutsche Juden auslieferte Brigitte Lamberts: El Gustario de Mallorca und das tödliche Gemälde

11. September 2020 0

Im Grunde genommen eine gute, wenn auch nicht gerade neue Idee. Ein auf Mallorca angesiedelter Regional-Krimi mit einer Art kulinarischer Rundreise und Restaurant-Empfehlungen auf der von Deutschen adoptierten Insel. Für mich inzwischen sowas wie das Costa Rica Alemaniens. Und wer sich auch nur rudimentär mal mit der Insel beschäftigt hat weiß, dass sie nicht nur aus Ballermann besteht, sondern wunderbare Ecken besitzt, die zu erkunden sich allemal lohnt. Ebenso wie es ein Genuss ist, die Insel kulinarisch zu erforschen. Hier hat Brigitte Lamberts eingehakt. Mit ihrem Gastro-Kritiker Sven Ruge schuf die Autorin einen Charakter, der schon zum dritten Mal statt für seinen deutschen Auftraggeber zu kritisieren lieber auf der Insel kriminalisiert. Dieses Mal ist es die spanische Geschichte unter General Franco und deren Umgang mit deutschen Juden, die sich nach Spanien und im Buch insbesondere nach Mallorca geflüchtet hatten, in der Hoffnung dem Holocaust zu entgehen. Nach dem mit Hitlers Unterstützung gewonnenen Bürgerkrieg wies Spanien viele deutsche Juden aus. Denjenigen, denen es nicht gelang zu Weiterlesen

John leCarré: Das Vermächtnis der Spione

31. August 2020 0

Passender wäre der Titel „Die Spione, die die Kälte einholt“. Denn dieser leCarré-Roman ist einerseits die Vorgeschichte zu dem Roman, der seinen Ruf als Autor von Spionage-Romanen begründete: „Der Spion der aus der Kälte kam“. Gleichzeitig ist es auch 56 Jahre nach den Ereignissen um Alec Leamas und Liz Gold in der DDR und deren Tod an der Berliner Mauer die Geschichte danach. Der Sohn von Alec Leamas und die Tochter von Liz Gold gelangten ein halbes Jahrhundert nach dem Tod ihrer Elternteile (Leamas und Gold waren zwar ein Liebespaar, die Kinder stammen jedoch aus jeweils früheren Beziehungen) an Unterlagen, aus denen für sie hervorgeht, dass der MI 6, der britische Auslandsgeheimdienst, Alex Leamas und Liz Gold zu einer tödlichen Mission in die DDR sandte. Sie verklagen den Geheimdienst, und dem längst pensionierten Geheimdienstler Peter Guillam soll die Schuld für die missglückte Operation in die Schuhe geschoben werden.“ Um sich für die Befragung durch den anstehenden parlamentarischen Untersuchungsausschuss vorzubereiten, studiert er die alten Akten, in Weiterlesen

Die toten Straßen von Lissabon

3. August 2020 0

Was erhoffen sich Autoren davon, einen – sagen wir mal, in Portugal angesiedelten – Roman unter einem portugiesisch klingenden Pseudonym zu schreiben? Was erwarten Verlage, wenn sie einen Autoren, der einen Roman schreibt, der – sagen wir mal, in Portugal angesiedelt ist – ein portugiesisch klingendes Pseudonym aufzuzwingen? Vor allem dann, wenn man als Leser nach spätestens dem zweiten Kapitel merkt, dass der Autor von Land, Leuten und Kultur so viel Ahnung zu haben scheint wie ein Tourist, der alle fünf Jahre dort zwei Wochen Urlaub verbringt. Davon mal abgesehen, liest sich „Portugiesische Wahrheit“ wie der Versuch eines Beamten, einen auf großen Schriftsteller zu machen. Luis Sellano, hinter dem sich der Schwäbische Grafiker und Illustrator Oliver Kern verbirgt, kann besser zeichnen als schreiben. Die „Portugiesische Wahrheit“ ist ein Buch in Behördendeutsch, mit häufig verwendeten falschen Konjunktiven (insgesamt hat der Autor handwerkliche Probleme mit der deutschen Sprache) und zusätzlich noch einen gedankenwirren Helden, der larmoyant und selbstmitleidig daherkommt und ständig mehr oder weniger notgeil wirkend hinter Weiterlesen

Sarah-Jane Stratford: Radio Girls

26. Juli 2020 0

Ich lese gern im Bett, bin aber die letzten Monate wenig dazu gekommen. Weil es kein Buch gab, über dem ich nicht eingeschlafen bin. Geändert haben das erst die „Radio Girls“. Ein gänzlich unaufgeregt spannender Roman über die Anfänge der BBC, Frauenrechte und sich langsam auflösende Männerträume über ihre gesellschaftliche Vorherrschaft. Im Jahr 1922 wurde die BBC gegründet als British Broadcasting Company Ltd. von einem Konsortium aus sechs amerikanischen und britischen Elektrogeräteherstellern, die durch das Angebot von Radiosendungen den Absatz ihrer neuen Radiogeräte steigern wollten. Den Posten des Generaldirektors bekam John Reith. Seine Vision war ein Sender, der neben Bildung und Information auch Unterhaltung bieten sollte. 1926 stieß Hilda Matheson als Leiterin der Bildungsredaktion dazu und geriet schon bald, weil politisch linksliberal und ihrer vielen neuen unkonventionellen Ideen wegen, in Konflikt mit dem streng konservativen Reith. Matheson verließ die BBC 1931 und die „Radio Girls“ beleuchten romanhaft diese fünf Jahre durch den Blick von Maisie Musgrave. Ihre Figur ist fiktiv, Reith und Matheson dagegen haben Weiterlesen

Nick Hunt: Mit dem Wind – mitreisend und unterhaltsam

18. Juni 2020 0

Nick Hunt war sechs, als der Sturm auf Ynys Enlli seinen Mantel blähte und ihn ein Stück weit in die Luft hob. So beginnt Hunt sein Buch „Mit dem Wind“, und so begann für Hunt die Suche nach den Winden. Es war nicht die wissenschaftliche Suche eines Meteorologen. Oder die von jemanden, der sie für sich nutzbar machen wollte. Als Segelflieger etwa oder Windsurfer oder Drachenflieger. Vielmehr war es das Interesse des Forschers. Und wie Roald Amundsen und Robert Scott zu Fuß und nur mit Schlittenhunden den Wettkampf ausfochten, wer als erster den Südpol erreicht oder Henry Morton Stanley den afrikanischen Regenwald auf der Suche nach David Livingstone durchquerte, machte sich auch Nick Hunt zu Fuß mit Rucksack und Zelt auf den Weg, um in den Pennines im Norden Englands, den „Helm“ zu finden; den einzigen Wind, der in England einen Namen hat. In Mittel- und Südeuropa weht der kalte Mistral in Frankreich, der warme Föhn in den Alpen und die Bora auf dem Balkan, Weiterlesen

Curt Goetz: Die Tote von Beverly Hills

20. April 2020 0

Der Schriftsteller und Schauspieler Curt Goetz widmete das Geschichtchen seinerzeit seiner Frau Valerie, die behauptete, „ich könne keinen erotischen Roman schreiben.“ Und wie so oft haben Frauen recht. Ich schränke das mal ein: „Zumindest aus heutiger Sicht.“ Vor inzwischen 69 Jahren mag die Geschichte um die nymphomanische Lu, männermordender Typ Lolita, tatsächlich erotische Erektionen ausgelöst haben. Der Held des Romans, eben der Autor, hält sich im amerikanischen Exil auf und durchstreift mit seinem Hund Winnetou das Hinterland von Los Angeles. Die Geschichte ist angesiedelt während der Zweite Weltkrieg tobt und die Amerikaner Angst haben, die Japaner könnten einmarschieren. Also trägt der Romanheld seine Büchse  durch die Wildnis wie einst Old Shatterhand und findet dabei die ermordete Lu Sostlov. Ermordet, aber nicht geschändet. Sie, die aus Deutschland eingewandert ist, hinterlässt ein Tagebuch, in dem sie ihre nymphomanische Karriere beschreibt, ihre besondere Zuneigung zu älteren Herren, die ihr verfallen wie im Herbst die Blätter von den Bäumen. Und die Herren, die den Biss der Schwarzen Witwe, den Weiterlesen

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