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Katastrophentouristen mit der Lizenz zu nerven

26. Oktober 2021 0

Es ist offenbar Mode, im Literaturbetrieb zunehmend Journalisten als Protagonisten einzusetzen. Beate Maxian lässt ihre Chefredakteurin Sarah Pauli nun schon zum elften Mal kriminalisieren. Zugegeben, ich kenne jetzt nur „Die Tote im Kaffeehaus“, die vorausgegangenen zehn Fälle dieser als Wien-Krimi titulierten Reihe ist mir unbekannt. Aber wie das eben so ist, wenn eine Reihe zu lang gerät, schleift sich manches ab. Zwar ist „Die Tote im Kaffeehaus“ ein solider und auch ordentlich geschriebener Krimi, aber … … der Plot ist zu durchsichtig, Spannung will nicht wirklich aufkommen. Zu früh lässt sich erahnen, wer der Täter ist, auch wenn die Autorin sich krampfhaft müht, falsche Spuren zu legen und den Leser in die Irre zu führen. Davon abgesehen ist der Handlungsort beliebig und austauschbar. Vielleicht hat die Autorin in den vorausgegangenen Bänden ihr Wien gezeichnet, es lebendig werden lassen, die Atmosphäre beschrieben; es gelingt ihr – zumindest in diesem Buch – nicht, das Flair des modernen Wien in seinen alten und traditionellen Kaffeehausmauern wie einen Film Weiterlesen

Jede Kuh ist intelligenter als dieses Buch

21. November 2020 0

Es ist eines jener Bücher, für die mir die Bäume leid tun, die des Papiers wegen, auf das es gedruckt wurde, gefällt werden mussten. Wenn es neben Tschernobyl und Fukushima etwas gab, was man der Welt hätte ersparen müssen, dann dieses Buch: Steffen Jacobsen – „Sühne“. Ist es schon vom Plot her gequirlte Kacke, wird es durch die eindimensionalen schwarz-weiß Figuren, die durch einen bräsigen Sprachbrei gezogen werden, nicht besser. Viele Stellen lesen sich, als seien sie per copy & paste aus einer Datenbank für Serienromane wahllos und ohne Zusammenhang aneinander gepinnt. Es ist ein Buch, das mich maßlos geärgert hat. Dabei ist die Grundidee noch nicht mal schlecht. Ein Pharmakonzern entwickelt ein Medikament gegen eine Tropenkrankheit und stellt während der Erprobung in Äthiopien fest, dass es eine unerwartete Nebenwirkung hat: Es heilt in Windeseile auch Diabetes. Dann aber die Entwicklung des Plots. Mir kam es vor, als habe ein 14-Jähriger seine traumatischen Pubertätserlebnisse verarbeiten wollen. Der Konzern, der auch fettes Geld mit Insulin verdient, Weiterlesen

Hinterm Horizont geht’s doch nicht weiter

10. November 2020 0

Was ist die „Wahrheit über Metting“? Ein Heimatroman wie ihn Autor Tom Liehr auf seiner Website (www.tomliehr.de) bezeichnet? Ein Gesellschaftsroman? Eher nein. Am ehesten trifft es noch Entwicklungsroman. Tomás Lebesanft, dessen Vornamen Tomaasch ausgesprochen wird, was aber keiner tut in dieser niedersächsischen Kleinstadt Metting, wird hineingeboren in die 60er Jahre, die kaum zwei Jahrzehnte nach dem Zweiten Weltkrieg einerseits geprägt sind von Wirtschaftswunder, Wiederaufbau und sich Zurechtfinden, andererseits aber auch von Beklemmung, Engstirnigkeit, Vorurteilen und Rassismus. Eine Welt, in der Lehrer mit Schulmeister-Allüren die Kinder zu mündigen Demokraten heranziehen sollen und kläglich scheitern, weil sie selbst nie lernten, vorurteilsfrei zu denken; weil sie, aufgewachsen in einer brutalen Diktatur, nie vertraut gemacht wurden, eigenständig zu handeln, sich zu hinterfragen. Im Gegenteil. Sie wurden erzogen, wie die meisten Erwachsenen dieser Generation, zu gehorchen und eine vermeintliche Autorität, zu der für Kinder jeder Erwachsene zählte, nicht in Frage zu stellen. Toms Eltern betreiben in Metting ein Altenheim. Das „Horizont“. Und in das zieht eines Tages Marieluise ein. Die Weiterlesen

Beliebt bei Beerdigungen: Always Look at the Bright Side of Life

8. November 2020 0

„Das Book of Songs, die Playlist für jede Lebenslage“ umfasst Kurzporträts von angeblich fast 500 Songs. Gezählt habe ich sie natürlich nicht. Aber es ist eine Liste von Songs aus den vergangenen 60 Jahren, die in Kapitel mit – nunja … unorthodoxen – Überschriften unterteilt ist. Wie zum Beispiel „Songs mit großartigem Intro“. Oder „Songs über Geschwister“. Oder „Songs, die eigentlich Kurzgeschichten sind“. Oder „Songs, die in Filmen vorkommen“. Dagegen fehlen Kapitel mit „Songs, die Filme bekannt machten“ oder „Songs, die unser Leben beeinflussten“. Die Porträts der Songs sind leider so kurz gefasst, dass sie nur einen – ja, notdürftigen Blick auf die Entstehungsgeschichte zulassen. Und nicht alles ist 100-prozentig korrekt wiedergegeben. Mir fiel auf, dass im Kapitel „Songs über Prostitution“ auch „Just a Gigolo“ aufgeführt ist und dessen Ursprung korrekterweise mit Österreich angegeben ist. Allerdings führt Autor Colm Boyd den Text auf ein Gedicht zurück, was eben nicht stimmt, denn es war ein zu seiner Zeit (1924) schon bekannter Librettist und Schlagertexter (Julius Brammer), Weiterlesen

Amy Sackville: Reise nach Orkney

20. Oktober 2020 0

Beide trennen 40 Jahre, aber sie eint die Liebe zur Literatur. Aber weshalb sie, die namenlos bleibende Protagonistin, die Lieblingsstudentin des Literaturprofessors Richard – der die 60 längst überschritten hat – ihn nun heiratet, bleibt unklar. Klar wird aber, dass seine Liebe zu ihr einer Besessenheit gleich kommt, während die Zuneigung von ihr zu ihm … nunja … Zuneigung ist. Oder vielleicht auch die Faszination seines literarischen Intellekts. Oder die Liebe zu einem Vater, der eines Tages verschwand und sie zurück ließ. Die Hochzeitsreise des Paares geht nah ans Ende der Welt. Auf eine Orkney-Insel nordöstlich von Schottland. Dort, wo die Nordsee und der Nordatlantik sich vereinen, wo die Sonne das ganze Jahr über kaum die Wolken durchdringt, wo die Winde das Meer beleben und wo Seegeister, Kobolde und Nixen leben. Und eben einer solchen Nixe immer ähnlicher wird die junge Ehefrau, der Schwimmhäute zwischen Fingern und Zehen wachsen, die aber nicht schwimmen kann und dennoch über Stunden am Strand steht, sich dem Wind und Weiterlesen

Cay Rademacher: „Gefährliche Côte Bleue“

24. September 2020 0

Ein jeder Protagonist braucht seinen Antagonisten. Und was den geschassten Pariser Korruptionsermittler Roger Blanc anlangt, er hat es verstanden, sich eine Menge Feinde zu verschaffen. Dramaturgisch zwar notwendig; in seiner Ausführung schießt Autor Cay Rademacher da leider oft genug am Ziel vorbei. „Gefährliche Côte Bleue“ ist der vierte von bisher sieben Provence Krimis um den Capitaine de Police Roger Blanc. Sein Hauptfeind, der Innen-Staatssekretär Jean-Charles Vialaron-Allègre, tritt ihm auch dieses Mal wieder gehörig auf die Füße. Dieser Politiker untersagt ihm die Ermittlungen im Fall eines toten Tauchers und einer verunglückten Fischerin. Der Taucher ist an einem Harpunenschuss ins Auge ums Leben gekommen, die Fischerin durch einen Zug in einem Tunnel, durch den sie unvorsichtigerweise zu Fuß gegangen sein soll. Aber Roger Blanc wäre nicht Roger Blanc, röche er nicht in beiden Fällen Verrat und Mord. Der Taucher war nicht nur Wrackplünderer, sondern auch der Umwelt verbunden; die Fischerin nicht nur Umweltaktivistin, sondern auch Gemeinderätin. Und beide waren einem Umweltskandal auf der Spur, hinter dem eine ansässige Weltfirma steckt, deren CEO Weiterlesen

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