News Ticker

Der Ennio Morricone des Italo-Jazz

Enrico Rava Quartett. FRANCESCO BEARZATTI & FRIENDS. Foto: deondo

Gschwend. Es waren Ouverture und Schlussakkord zugleich. Mit Italo-Jazz von Enrico Rava und dem Quartett Francesco Bearzatti & Friends wurde am Samstagabend der 34. Gschwender Musikwinter eröffnet und auch gleich wieder geschlossen. Zumindest vorläufig. Aber das, was am Samstagabend zu hören war, möchte ich mal unter dem Begriff „großes Kino“ einsortieren.

Was Francesco Bearzatti mit dem Saxophon, Enrico Morello am Schlagzeug, Gabriele Evangelista am Kontrabass und Francesco Diodati mit der Gitarre zuwege brachte – der Meister wäre stolz auf sie gewesen, hätte er er sie live in Gschwend erleben können. So sah und hörte er sie vielleicht über dem Livestream, denn erstmals sei das Konzert auch live am heimischen PC mitzuerleben gewesen, sagte Rainer Klein vom Bilderhaus.

Der Abend stand ganz im Zeichen des Italo-Jazz von Enrico Rava und eigentlich sollte der „Grandseigneur des italienischen Jazz“ (O-Ton Rainer Klein) auch selbst die Trompete blasen. Aber eine Krankheit verhinderte das. Für ihn sprang Saxophonist Francesco Bearzatti ein, denn die Italiener waren froh, auch mal wieder auf einer Bühne stehen zu dürfen. Und sie hatten, zumindest in Deutschland, den letzten Zug erwischt. Das Leben zeige sich momentan von einer sehr außergewöhnliche Seite: „Aber wir werden auch das meistern“, sagte Bearzatti in der mit schätzungsweise 70 Besucher erstaunlich gut gefüllten Gschwender Gemeindehalle. Und mit Musik voller Lebensfreude und Hoffnung gab es für das zumeist ältere Publikum einen musikalisch ebenso anspruchsvollen wie fröhlichen Abend.

Inspiriert von den Großen des Jazz

Die Musik von Enrico Rava ist inspiriert von den ganz Großen des Jazz. Chet Baker, Miles Davis, Archie Shepp standen Pate. Um nur einige zu nennen. Allerdings hatte Rava auch keine Scheu, Michael Jackson zu verjazzen.

Aber im Land so bedeutender Komponisten wie Rossini, Verdi oder Puccini kommt ein Musiker an Opern nicht vorbei. Und so versuchte sich Rava daran, Opernarien in und für den Jazz umzusetzen. Und hatte auch da ein großes Vorbild in Miles Davis, der sich zum Beispiel schon Ende 1959 in seiner Platte „Sketches of Spain“ der spanischen Volksmusik annimmt und diese für den Jazz adaptierte.

Allerdings hatte das Konzert am Samstag damit wenig zu tun. Es war romantische Musik, die an Vor-Corona-Zeiten erinnerte, die italienische Musikalität und den Hang zur romantischen Amore betonte, die Improvisationen hielten sich in überschaubaren Grenzen, dazwischen konnte man hin und wieder Einsprengsel von Tarantella heraushören. Aber auch immer wieder Ansätze eines volksnahen Jazz. Fast wäre ich geneigt zu sagen, Rava ist in seiner sprachlichen musikalischen Vielfältigkeit für den Jazz sowas wie Ennio Morricone für die Musik des italienischen Films.

Dass die jungen Schüler Ravas Ausdauer und Stehvermögen haben, zeigte sich, indem sie ohne Pause ein Set von mehr als anderthalb Stunden spielten. Eine Leistung, die sie mit zwei Zugaben toppten, und fast schien es, als wollten sie die Bühne freiwillig nicht verlassen. Optisch, um das Fazit zu ziehen, ein durchaus karges Buffet, musikalisch ein opulentes Mahl. Vielleicht vergleichbar mit Minestrone, jener typisch italienischen Suppe: Aus vielen kleinen, liebevoll gewählten musikalischen Zutaten wurde in üppiger Buntheit eine Mischung, von der man nach mehr verlangt.

Hinterlasse jetzt einen Kommentar

Kommentar hinterlassen

X