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Die Rassismus-Debatte um die Berliner Straßen und Plätze

Berlin hat zweifelsohne eine rassistische Vergangenheit. Es hat aber ebenso eine viel längere Vergangenheit, die auf Toleranz basiert, auf der Akzeptanz von Fremden, von Einwanderern. Und dem Wissen um deren Wirtschaftsfaktor.

Ob das im 17. Jahrhundert die Hugenotten waren, die mit dem 1685 von Kurfürsten Friedrich Wilhelm erlassenen „Edikt von Potsdam“ in Brandenburg-Preußen aufgenommen wurden, ob das böhmische Religionsflüchtlinge waren, die im ersten Drittel des 18. Jahrhunderts nach Preußen kamen und vor den Toren Berlins siedelten.

Rixdorf heißt das Dorf, in dem die Familien vorwiegend aus dem ostböhmischen Ort Ústí nad Orlicí  lebten und ihre Kultur, ihre Religion und ihre Sprache pflegten. Und unter staatlichem Schutz pflegen durften.

Längst sind die Nachkommen der einstigen Böhmen assimiliert. Heute stellt Rixdorf im Herzen eine gepflegte, nahezu idyllische dörfliche Landschaft dar, mit der noch immer erkennbaren typischen Architektur, mit Menschen, die ihre Herkunft und ihre Vergangenheit pflegen, die ihre Traditionen kennen und deren Brauchtum inzwischen sogar ein Stückweit Berliner Kulturgut ist.

Und Rixdorf ist ein Stück Berlin, das längst Einzug gehalten hat in das typische Berliner Musikschaffen: „In Rixdorf ist Musike, Musike, da tanzen Franz und Rieke, die letzte Polka vor“, sang einst der Interpret von urberliner Gassenhauern Willi Rose. Und mit der Polka wird wiederum der Bogen geschlagen zur ursprünglichen böhmischen Herkunft der Rixdorfer.

Aber da ist andererseits auch das „Afrikanische Viertel“ in Wedding. Es erinnert an die koloniale Vergangenheit eines Deutschland, die mit dem verlorenen Ersten Weltkrieg 1918 endete. Der U-Bahnhof „Afrikanische Straße“ und die gleichnamige Straße sind geblieben. Ebenso die Togostraße, die Transvaalstraße, die Lüderitzstraße und die Windhuker Straße, die benannt ist nach der Hauptstadt Namibias, das einst als Deutsch-Südwestafrika Deutsche Kolonie war. Und schon damals zur Zeit der Wende vom 19. ins 20. Jahrhundert gebärdeten sich die Deutschen dort wie Herrenmenschen. 

Einer der ersten Reichskommissare in der deutschen Kolonie war Heinrich Ernst Göring, der Vater des später unter Hitler für die deutsche Luftwaffe zuständigen Hermann Göring und seines Bruders Albert, der im Gegensatz zu seinem Bruder ein erbitterter Nazi-Gegner war.

Zum Afrikanischen Viertel in Berlin-Wedding gehört auch die Petersallee. Der namensgebende Klosterschüler Carl Peters (1856 bis 1918) gilt als Begründer der Kolonie Deutsch-Ostafrika. Das Gebiet umfasste die heutigen Länder Tansania (ohne Sansibar), Burundi und Ruanda sowie ein kleines Gebiet im heutigen Mosambik mit einer Gesamtfläche von 995.000 Quadratkilometer (nahezu die doppelte Fläche des damaligen Deutschen Reiches) und rund 7,75 Millionen Einwohnern. Sein grausames, auf Rassismus und Willkür beruhendes, Regime als Reichskommissar führte schließlich 1897 zur unehrenhaften Entlassung von Carl Peters aus dem Reichsdienst. An den Ermittlungen gegen Peters vor dem kaiserlichen Disziplinargericht war maßgeblich der Begründer der deutschen Sozialdemokratie August Bebel beteiligt.

Was aber nichts daran ändert, dass die Petersallee auch heute noch Petersallee heißt. Schon seit fast 40 Jahren gibt es Vorstöße, das zu ändern. Insbesondere die Grünen (damals noch als Alternative Liste in der Bezirksverordnetenversammlung Weddings vertreten) tat sich damit hervor, scheiterte aber kläglich. So wie ein neuerlicher Vorstoß im Jahr 2018 auf harsche Kritik von Anwohnern und Gewerbetreibenden stieß.

Damals hatte die Bezirksverordnetenversammlung Wedding (BVV) endlich die Lüderitzstraße, den Nachtigalplatz – benannt nach Gustav Nachtigal – in Bell-Platz umbenannt und die Petersallee in Anna-Mungunda-Allee und Maji-Maji-Allee. Für die Umbenennung sprach sich die Mehrheit von Grünen, SPD, Linken und Piraten aus, CDU und AfD stimmten dagegen. Die FDP enthielt sich. 

Was den Widerstand der Anwohner und Gewerbetreibenden gegen die Umbenennung der Petersallee betrifft, werden merkwürdige Argumente aus dem Hut gezaubert. Angeblich soll die 1939 nach Carl Peters benannte Allee schon 1986 umgewidmet worden sein. Seither ehre sie den NS-Widerstandskämpfer, CDU-Politiker und Mitautor der Berliner Verfassung Hans Peters. Nach Ansicht des Berliner Senats wurde die Umbenennung allerdings nie rechtskräftig.

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